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Amazonas - die Pulsader der Erde


Es ist nur ein Augenblick in der Geschichte unseres Planeten, doch er wird das Gesicht der Erde für immer veränd- ern: Vulkane explodieren; riesige Meere und Seen entstehen und vergehen; gewaltige Erdbeben erschüttern einen ganzen Kontinent. Als der Augenblick vorüber ist, hat es auch den mächtigsten Strom, der sich jemals in die Erdober- fläche grub, zerrissen: Den 14.000 Kilometer langen Ur-Amazonas - die Lebensader des vor 130 Millionen Jahren zerbrochenen Urkontinents Gondwana. Heute fließt er zur Hälfte im neu entstandenen Südamerika. In Afrika erinnern nur noch Krokodile, die sich in den Seen der Sahara (den Resten des Ur-Amazonas) tummeln, daran, dass hier ein- mal vor langer Zeit seine Quellen lagen.

Der Amazonas ist die Schlagader des Lebens. Kein Fluss ist wichtiger für das Leben auf der Erde. Der größte Strom der Erde ist bis zu 100 Meter tief, 14 Kilometer breit (durchschnittlich 4,5 km) und auch heute noch mit 7.025 Kilome- tern der längste Fluss der Erde (dem Nil bleibt mit 6.671 Kilometern nur Platz zwei). Er transportiert 20 Mal mehr Wasser als der Nil und versüßt das Salzwasser des Atlantiks, mit 200.000 Kubikmetern pro Sekunde.

Umgeben ist der Amazonas vom größten Regenwald der Erde. Dieser Amazonas-Dschungel gilt als Bewahrer sel- tener Arten wie Fluss-Delfin, -Hai und -Rochen. Sie mussten sich neuen Lebensbedingungen anpassen, als sich vor 65 Millionen Jahren die Anden erhoben und dem Amazonas den Weg in den Pazifik versperrten. Der mächtige Strom wurde zunächst zum Süßwassersee, bevor er seine Richtung wechselte und in den Atlantik mündete.

In diesem Regenwald sind über 40.000 Pflanzenarten, von denen etwa 30.000 Arten nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Das erstaunliche daran ist, dass der Grund für diese Artenvielfalt nicht etwa besonders gute Lebensbe- dingungen sind, sondern extrem schlechte. Auch wenn jährlich 500 Millionen Tonnen nährstoffreicher Sahara-Sand zum Amazonas geweht werden, sind hier die Böden unterhalb einer dünnen Humusschicht, die meist nur 50 cm tief ist, nahezu steril. Die Folge: Was hier überleben will, führt einen Existenzkampf unter härtesten Bedingungen.

Auf wenigen Quadratkilometern Regenwaldfläche können mehr Pflanzenarten vorkommen als in ganz Europa. Trotz- dem existiert im Zentrum Amazoniens, mitten im Regenwald, der unfruchtbarste Boden auf der ganzen Erde, da sämtliche Nährstoffe bereits entnommen sind und sich in den Pflanzen selbst befinden. Der Regenwald kann daher nach seiner Abholzung nicht wieder hergestellt werden. Wenn er einmal vernichtet ist, bleibt er unwiederbringlich ver- loren. Nach etwa 3 Jahren wächst auf einem gerodeten Stück Regenwaldboden nichts mehr. Zurück bleibt unfrucht- bares, ökologisch nutzloses Land. Die Menschen werden lernen müssen, den Amazonas zu schützen, statt ihn zu zerstören, denn er ist die dickste Arterie im Kreislauf des irdischen Lebens.

"Ohne den Regenwald würde sich die Erde um bis zu fünf Grad erwärmen", sagt Sir John Houghton, Altmeister der britischen Klimaforschung. "Ein Albtraum", fügt er hinzu. Im Schmelzwasser des polaren Eises würden halbe Konti- nente versinken. Der Regenwald, als Wettermacher und Klimaschützer, ist somit einer der wichtigsten Puffer gegen den Treibhauseffekt. Zwei Milliarden Tonnen (ein Viertel) des globalen Treibhausgas-Ausstoßes "atmet" die grüne Lunge Amazoniens jedes Jahr ein. Dabei erzeugt sie rund 20 Prozent des gesamten Sauerstoffs, den wir atmen.

Die Pflanzen in Amazonien haben weltweit das Interesse der Pharma-Industrie geweckt. Möglicherweise verbergen sich im Regenwald Mittel gegen die heutigen Krankheiten wie Aids, Krebs oder Herzkrankheiten. Denn bislang sind nicht mehr als ein Prozent aller Pflanzenarten auf medizinisch nützliche Wirkstoffe hin untersucht. Der Regenwald wird von den Wissenschaftlern mittlerweile als eine große Apotheke gesehen, die jedoch eigentlich den Tieren gehört.

Noch bedeckt der Regenwald Amazoniens fast sieben Millionen Quadratkilometer. Doch bis zu 50.000 Quadratkilo- meter des weltgrößten Biotops werden Jahr für Jahr abgeholzt und niedergebrannt. Die Holzindustrie und die Aus- beutung von Bodenschätzen gefährden nicht nur die letzten 50.000 von einst einer Millionen Indianern, sondern sie bedrohen auch das faszinierendste Tierparadies auf diesem Planeten. Ein endloses Labyrinth, in dem sich geschätz- te 50 Millionen Arten tummeln. Darunter so seltsame Wesen wie die Seekuh, die auf Unterwasserwiesen weidet; der winzige Blattsteiger-Frosch, dessen Gift zehn Menschen töten kann; der geheimnisvolle Jaguar; 3000 Fischarten, von denen einige mit Lungen atmen, andere im Flug auf Insektenjagd gehen.


(Quellen: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 07/2004; www.amazonas.de)