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Die Weltmacht der Winzlinge


Das größte Bauwerk Europas erstreckt sich über 5.760 Kilometer von der italienischen Riviera bis in den Nordwesten Spaniens. Es ist nur 600 Kilometer kürzer als die Chinesische Mauer und wurde in 83 Jahren aus dem Boden ge- stampft. Im wahrsten Sinne des Wortes, wohlgemerkt - denn es handelt sich hier um ein hochkomplexes Tunnelsys- tem, dessen unterirdische Kammern mittlerweile ganze Hotels an der Costa Brava ins Rutschen bringen. Den Bau- herren ist das gleich - sie expandieren fleißig weiter. Sie überlebten die Dinosaurier, Meteoriten-Einschläge und Eis- zeiten - mittlerweile haben sie 90 Prozent der Erde erobert - und nichts kann sie aufhalten.

Die Verantwortlichen in diesem Fall: "Iridomyrmex humilis" - die argentinische Marathon-Ameise. Zwei Millimeter klein - und ausdauernder als jede andere Art ihrer Gattung. In ihrer südeuropäischen Giganten-Kolonie reihen sich Millio- nen Nester aneinander - bestückt mit mehreren hundert Königinnen, die allesamt ihre Armeen zum Großbau-Projekt zusammengeführt haben. Möchte ein Mensch mit ihrem Arbeitstempo Schritt halten, müsste er alle sechs Tage einen 50-stöckigen Wolkenkratzer errichten.

Die weltweite Ameisenpopulation wird auf 10.000 Billionen geschätzt - mehr, als uns Sterne im Weltall bekannt sind. In 120 Millionen Jahren haben sich 2.000 Arten entwickelt, und obwohl ein einzelnes Tier nur das Zehnmillionstel ei- nes Menschen wiegt, sind sämtliche Ameisen schwerer als die gesamte Erdbevölkerung. Sie haben alle Kontinente außer der Antarktis erobert und alle Länder bis auf Island und Grönland. Ihre Kieferzangen schnappen mit bis zu acht- facher Schallgeschwindigkeit zu und sie tragen durchschnittlich das 20-Fache ihres eigenen Gewichts an Beute - ein Mensch müsste bei gleicher Leistung 1.700 Kilo stemmen und damit bei Tempo 20 umhereilen.

Unschlagbarer Trumpf der Ameisen ist ihr Gemeinschaftssinn: ein strenges Hierarchie-Gefüge, in dem die Königin das Sagen hat - und alle anderen zum Wohl des Volkes dienen. Das Eierlegen ist der Königin vorbehalten. Soldaten- ameisen bewachen den Eingang: Mit ihren 1.700 Fühlhärchen kontrollieren sie jeden, der passiert. Stimmt die chemi- sche Identität nicht, wird der Eindringling getötet. Für die Pflege der Eier, Larven und Puppen ist ein spezielles "Nan- ny-Team" zuständig, das für die rechtzeitige "Umbettung" des Nachwuchses sorgt. Gerät eine Ameise in das Nest ei- nes anderen Volkes, wird sie sofort in Stücke gerissen. Manche führen regelrecht Krieg untereinander. So vernichtet die südamerikanische Feuerameise andere Ameisenvölker auf ihrem Eroberungsfeldzug durch die USA.

Studien zeigten, dass eine isolierte Ameise selbst unter den besten Futter- und Umweltbedingungen in nur wenigen Tagen stirbt. Ohne ihr soziales Gefüge kann keine Ameise existieren. Sie braucht die Gemeinschaft so dringend wie Nahrung. Gemeinsam aber bewegen diese Tiere die Welt. Bestes Beispiel: die südamerikanische Treiberameise. Auf Beutezug bilden ihre Armeen kilometerlange Züge, die mit 20 Metern pro Stunde vorrücken - und alles überwälti- gen, was sich ihnen in den Weg stellt, ausgewachsene Raubkatzen inklusive. Vier Wochen brauchen sie, um ihr Re- vier "leer zu fressen" - dann ziehen sie weiter.

Nicht weniger aktiv sind die Blattschneideameisen: Studien zeigten, dass ein Fünftel der Laubproduktion des Amazo- nas-Regenwaldes in ihren Nestern verschwindet. Innerhalb weniger Tage können die Winzlinge eine ganze Plantage "entblättern". Die Blätter zermalmen sie zu Brei, der ihnen dann als Pilzdünger dient. Jede Kolonie züchtet in rund 2.000 unterirdischen Kammern, für deren Bau bis zu 40 Tonnen Erde bewegt werden, nährstoffreiche Pilzkulturen. Ei- ne Wissenschaft, die die Ameisen perfektionierten: "Bakterienbefall behandeln sie mit antibiotischen Sekreten", sagt der US-Forscher Richard Fell. "Die Ameisen entdeckten diesen Stoff schon 40 Millionen Jahre vor dem Menschen."

Der Fall ist klar: Ameisen sind Jäger, Landwirte und kleine Baugenies. Ein einziges Volk vernichtet bis zu 100.000 Schädlinge pro Tag, womit diese Tiere auch zu den besten Waldsanitätern der Erde zählen. Sie beschäftigen die ef- fizientesten Armeen der Welt, bestückt mit Soldaten, die sich nie verlaufen, weil sie sich an ausgelegten Duftmarken und den Sternen orientieren. Die komplexen Augen der Ameise dienen ihnen als Kompass. "Jeder, dem das nächste Mal eine Ameise über den Weg läuft", sagt Richard Fell, "sollte eines bedenken: Diese winzigen Wesen arbeiten an der Welteroberung. Und ihre Chancen stehen gut ..."


(Quelle: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 21/2005)