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Die Menschen am Ende der Welt


Dunst liegt über den Hochebenen von Tibet, und im Licht der aufgehenden Sonne wehen dutzendfach die bunten Gebetsfahnen im Wind. Der Morgen ist kühl auf dem Dach der Welt, und als Amado sich aufmacht zu dem kleinen Bach, schweben über ihm, wie allmächtige Kulissen im luftleeren Raum, die Gipfel des höchsten Gebirges der Welt. Vor dem Jungen liegen eineinhalb Stunden Fußmarsch. Er muss Wasser holen, zwei Fässer voll als Reiseration, denn heute ist der Tag, an dem die Nomaden weiterziehen.

Amado ist neun Jahre alt und gehört zum Volk der Amdoa. Ein Leben jenseits des Himalaya. Ein Leben, in dem die Menschen Autos fahren und ihre Lebensmittel im Supermarkt kaufen, das kennt er nur aus Erzählungen. Er sagt: "Mein Onkel hat einmal ein Buch mitgebracht, in dem Bilder waren von großen, grauen Häusern. Die Menschen leben dort ganz allein, und keiner beachtet den anderen. Sie bekommen Wasser aus der Wand, und ihr Essen stammt von Tieren, die sie nicht einmal gekannt haben."

Der Nebel hat sich gelichtet, und der Weg führt den Jungen durch endlose Wiesen. Der Sommer ist herrlich im Hima- laya. Es ist die Zeit, in der Amado mit seiner Familie und den Herden umherzieht, von Weidegrund zu Weidegrund. Wenn das Land wieder karg wird, kehren Sie wieder zurück in das Winterquartier. In dem kleinen Haus aus Lehm und Ästen werden dann die 20 Zelte aus Yak-Haar umfunktioniert zu warmen Decken und Umhängen, und die Feuer bren- nen Tag und Nacht, denn Fensterscheiben, oder gar feste Türen kennen die Nomaden nicht. "Manchmal", sagt der Junge, "ist es so kalt, dass die Wäsche auf der Leine innerhalb von Minuten erstarrt."

Ihre Wanderungen sind ein immer währender Kampf gegen die Mächte der Natur: An den Hängen der heiligen Berge fallen die Temperaturen schlagartig um 20 Grad und mehr, innerhalb von wenigen Minuten ziehen Stürme mit Hurri- kangeschwindigkeiten auf. Kein Europäer würde hier in 5.800 Metern Höhe überleben. Aufgrund des höhenbedingten Sauerstoffmangels fiele er innerhalb einer Stunde ins Koma. So ziehen die Amdoa einsam durch eine leere Welt. Sie sind die einzigen Menschen, deren Körper sich an derartige Extreme angepasst haben. Die meisten von ihnen ster- ben, ohne jemals einen Fremden getroffen zu haben.

Amado weiß nicht, dass dieses Leben etwas Besonderes ist. Sein Volk zählt zu den einsamsten der Welt. Heute le- ben, Schätzungen zufolge, eine Million Menschen in vollkommener Abgeschiedenheit. Ihre Heimat sind jene Region- en, in denen die Extreme der Natur vorherrschen. Es ist ein Leben, in dem Strom, fließendes Wasser oder moderne Kommunikation oft Luxus sind und jeder unachtsame Schritt ins Verderben führen kann. Weitere Beispiele:

Die Tristaner: Keine Insel der Welt liegt isolierter als Tristan da Cunha - 2.800 Kilometer vor Afrika, 4.000 Kilometer vor Südamerika. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist für die 295 Einwohner das Versorgungsschiff, das alle zwei Mo- nate anlegt, und ein Satellitentelefon, das vor einigen Jahren im Postamt installiert wurde. Ihre Vorfahren kamen im Jahr 1816 mit dem ersten Siedler William Glass auf die Insel. Der Schotte legte damals eine Ordnung fest, die be- sagt, dass alle Einwohner für das Gemeindewohl arbeiten, dass sie alles teilen und alle gleich sind. 1961 wurden die Einwohner Tristans wegen eines Vulkanausbruchs nach England evakuiert. Doch kein einziger nahm das Angebot der britischen Regierung an, zu bleiben. Sie kehrten alle zurück, auf die einsamste Insel der Welt.

Die Inuit: Das Land der Inuit erstreckt sich über drei Zeitzonen, ist fünfmal so groß wie Deutschland - dennoch leben in Nunavut nur 28.000 Menschen in 26 Orten. Die einzige Straße misst gerade 20 Kilometer. Passierbar ist sie aber nur während des Sommers. Danach können nicht einmal Flugzeuge Nunavut anfliegen: Die Temperaturen fallen auf minus 50 Grad, das einzige Fortbewegungsmittel bleibt der Schlitten. Nur 30 Prozent der Inuit gehen einer Erwerbs- arbeit nach - der Rest lebt nach den alten Traditionen, und so ziehen die Jäger bis heute allein ins ewige Eis der Ark- tis, um ihre Familien zu ernähren. Sie orientieren sich an aufgetürmten Steinhaufen, die ihre Ahnen vor vielen Jahrtau- senden als Wegmarkierung setzten und vertrauen auf das Gespür ihrer Hunde. Viele Inuit-Jäger kehren dennoch nie wieder heim, sondern bleiben verschollen in einer Wildnis, die kein Überleben duldet.

Die Din: Vor kurzem glaubten die Din noch, die ganze Welt sei wie ihre: tiefe Wildnis, in der jeder falsche Schritt den Tod bringen kann. Bis ein Forscher kam und als erster Fremder überhaupt die Bekanntschaft des letzten unentdeck- ten Volkes machte. Ihr Stamm umfasst nur 22 Mitglieder, die in zwei Baumhütten leben, verborgen in den undurch- dringlichen Sümpfen Neuguineas - einer Region, die so tückisch ist, dass alle anderen Eingeborenen sie meiden. Die Männer jagen mit Pfeil und Bogen, handwerken mit Steinwerkzeugen. Sie kennen keine Kleidung und haben keine Vorstellung von einer anderen Welt, in der andere Völker leben. Die Lage ihrer Siedlung wird bis heute geheim gehal- ten, weil Einsamkeit ein Segen und ein Schutz sein kann, in einer Welt, die 22 Menschen um Jahrtausende voraus ist.

Die San: Dort wo in Afrika das gezähmte Land endet, leben die letzten Buschmänner der Erde: Die San. Schon vor 150.000 Jahren zogen ihre Ahnen durch die Wildnis, und die Traditionen, die einst galten, gelten immer noch. Allen voran eine eiserne Regel: Meide die Menschen. Denn vor 2.000 Jahren wurde viele San von Nachbarstämmen nie- dergemetzelt. Seitdem ziehen die Buschmänner, unsichtbar wie Phantome, über das Land. Nirgends verweilen sie lange, und ihr Besitz umfasst nie mehr, als ein Mann tragen kann. Mittlerweile ist erwiesen, dass die San über Sinne verfügen, die nahezu übermenschlich sind: Durch bloßes Beobachten erkennen sie, wie schnell ein weit entferntes Beutetier atmet, wie oft es sich umsieht und wie viele Schritte es dabei macht. Ihr Wissen aber werden sie nicht tei- len. Vermutlich leben noch 60.000 San in Afrika. Nur 50 von ihnen sind jemals in Kontakt mit Weißen getreten.


(Quelle: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 30/2004)