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Galapagosinseln - die Arche Noah


Die Ankunft im Paradies ist nass. Mit Schwung über die Bordwand des Beibootes, ein paar Schritte durch glasklares Wasser auf den blendend weißen Strand - schon ist man auf Augenhöhe mit den Seelöwen. Eine Mutter säugt see- lenruhig ihr flauschig bepelztes Junges, ein Halbwüchsiger robbt den Besuchern neugierig entgegen, stupst sie an und blökt wie ein aufgeregtes Lamm. Von Scheu keine Spur. Walter Cruz, einer von fast 500 Nationalpark-Führer auf Galapagos, hält nach dem Bullen Ausschau, der friedlich in der Äquatorsonne döst. Die Gardner Bay auf der Insel Espanola - ein Idyll wie am ersten Tag der Schöpfung. Ein paar Meter entfernt nehmen mehrere hundert Meerechsen auf den dunklen Lava-Felsen ein Sonnenbad. Mit ihrem gezackten Rückenkamm sehen sie aus wie Mini-Drachen und vermitteln das Gefühl, in die Urzeit einzutauchen.

"Meine Heimat ist in der Tat etwas ganz besonderes", sagt Carlos Valle. Der gebürtige Galapageno unterrichtet als Biologe Studenten vom ecuadorianischen Festland an der berühmten Charles-Darwin-Forschungsstation auf Santa Cruz. "Drei bedeutende Meeresströmungen treffen sich hier. Aus der Tiefsee quillt extrem nährstoffreiches Wasser empor. Nirgendwo ist ein Ozean am Äquator so kalt wie um Galapagos. Der Archipel ist weltweit der einzige Ort, der den Tieren ein äußerst fruchtbares Meer und die ganzjährige Wärme der tropischen Sonne bietet." Im Ergebnis le- ben auf Galapagos neben exotischen Tropikvögeln und gigantischen Leguanen auch Tiergattungen, die eigentlich an der Antarktis zu Hause sind: Seebären, Tölpel, die weltgrößten Wale und die einzigartigen Pinguine.

Nirgendwo sonst auf der Welt kann man wilden Tieren, die ohne jede Scheu sind, so nahe kommen. Weil sie seit Millionen von Jahren keine Menschen zu sehen bekamen, haben sie keinen Fluchtinstinkt entwickelt. Die abgeschie- dene Lage ließ beispiellose Anpassungen entstehen: Bis zu 150 Jahre alte Riesenschildkröten anstelle grasender Säuger; Echsen, die im Meer Algen abweiden; Vampirfinken, die das Blut von Seevögeln schlürfen; Kormorane, die ihr Flugvermögen gegen eine perfekte Tauchfähigkeit eingetauscht haben; Pinguine, die in Lavahöhlen nisten.

"Das unberührte und sehr produktive Küstengewässer von Galapagos zog die internationale Fischerei-Industrie an", erinnert sich die aus Belgien stammende Fotografin Tui de Roy. "Als meine Familie vor 44 Jahren nach Galapagos übersiedelte, lebten dort rund 800 Menschen. Heute sind es mehr als 18.000." Sie Drängen sich zwar nur auf drei Prozent der Fläche (97 Prozent sind Nationalpark), aber sie müssen versorgt werden. Bei der Havarie eines Versor- gungstankers 2001 entging der Archipel nur aufgrund glücklicher Windverhältnisse knapp einer Katastrophe.

An einer namenlosen stillen Bucht der abgelegenen Insel Genovesa haben Fischer aus Holzpaletten und Wellblech vorläufig ein Dorf errichtet. Aus ihren kleinen Booten am Muschelstrand ziehen sie ihren sonderbaren Fang hoch, um ihn in Holzgitter zu sortieren und zum Trocknen auf die schwarzen Lavafelsen zu legen, die die senkrecht stehende Sonne auf Ofenhitze erwärmt hat: Seegurken. Urtümliche Weichtiere vom Stamm der Stachelhäuter, die in Form einer Wurst am flachen Meeresgrund Schwebstoffe einfangen und einmal im Jahr ihre eigenen Organe verdauen, die sich innerhalb von sechs Wochen wieder komplett neu entwickeln.

Pelikane stürzen sich pfeilschnell ins Meer, tollkühn wie Kamikaze-Flieger. Fregattvögel, die "Piraten der Lüfte", ver- suchen ihnen mit fliegerischer Eleganz die Fische abzujagen. Pedro, 25 Jahre alt, verfolgt das Schauspiel jeden Tag. Am Hafen von Puerto Ayora verkauft er Cola. Hier auf Santa Cruz kann er das Vierfache von dem verlangen, was ein Straßenverkäufer in seiner Heimat in den Anden erhält. Vor fünf Jahren kam der Landarbeiter mit dem Versorgungs- schiff. Für die Glücksritter vom Festland verheißt Galapagos vor allem Wohlstand. Mehr als 60.000 Touristen kom- men pro Jahr auf die Inseln und spülen pro Kopf allein 100 Dollar Nationalpark-Gebühr in die leere Staatskasse. Pe- dro: "Der Tourismus ist ein Kuchen, von dem sich jeder im armen Ecuador ein Stück abschneiden will.

Damit das Naturparadies nicht zu Tode geliebt wird, hat die ecuadorianische Regierung die Besucherzahlen begrenzt und so den ungehemmten Zuzug geregelt. Die Politiker in Quito haben begriffen, so Walter Cruz, dass die devisen- bringende Arche Noah im Pazifik bedroht ist. Eingeschleppte Tierarten wie Ratten, die die Nester der Seevögel plün- dern, Ziegen, die den weltweit einzigartigen Sonnenblumenbaum-Regenwald zu Steppe kahl fressen und verwilderte Schweine, die die Gelege der Riesenschildkröten aufgraben, werden inzwischen hemmungslos bekämpft.


(Quelle: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 26/2004)