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Indianer - die gejagten JägerVerlegen senkt Puku den Blick und betrachtet den kleinen Haufen toter Ameisen zu seinen Füßen. "Ehrlich, ich wollte sie nicht zertreten...", setzt der Junge an, doch sein Vater schneidet ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. "Er- kläre mir, warum deine Tat unrecht war, und ich werde es gut sein lassen", fordert er. Puku überlegt. Plötzlich erhellt ein Strahlen sein Gesicht: "Weil alle Lebewesen eine Seele haben - auch die kleinsten", zitiert er stolz die Worte des alten Dorf-Schamanen. Doch statt eines Lächelns erntet der Junge nur ein Kopfschütteln: "Nein", erklärt sein Vater. "Du sollst dich nicht mit Ameisen anlegen, weil sie die gefährlichsten Feinde sind, die es in diesen Wäldern gibt ..." Puku nickt. In seinen Augen liegt kein Erstaunen. Der Achtjährige ist hineingeboren in den Stamm der Waiapi, einen der letzten Indio-Verbände Amazoniens, die noch nach jahrhundertealten Traditionen ihrer Vorfahren leben. In zwölf Dörfern mit 488 Indios leben sie bis heute mit einfachsten Mitteln, bauen ihre Hütten aus Geäst und kochen über dem offenen Feuer. Ihr Reich liegt verborgen im ewigen Halbdunkel des Regenwaldes, irgendwo im Grenzgebiet zwisch- en Brasilien und Französisch-Guayana. Müde läuft Puku hinter seinem Vater her. Die beiden sind auf der Jagd nach Nabelschweinen, und wie jeder Jagdausflug ist auch dieser eine harte Lehrstunde. Denn hier gibt es weder Bänke noch Pulte. Und bis die Kinder mit zwölf Jahren offiziell das Erwachsenenalter erreichen, ist der undurchdringliche Dschungel selbst ihr Lehrmeister und unterrichtet sie in den härtesten Lektionen überhaupt - denen des Überlebens. In vier Jahren muss Puku alles wissen, um sich in einer Welt zurechtzufinden, in der jeder falsche Schritt tödlich sein kann. In der die Vegetation jeden geschlagenen Pfad innerhalb von Stunden zuwuchern lässt und in der nicht einmal die Sonne zur Orientierung dient, weil das dichte Blattwerk kaum ein Prozent des Lichtes durchdringen lässt. Seine Wegweiser werden die unterschiedlichen Gesänge der 2.000 Vogelarten sein, die vor Gefahr warnen, und die Fähr- ten der Affen, die schmackhafte Früchte finden. Er wird 5.000 verschiedene Heilpflanzen und deren Einsatzgebiete kennen und weitere 3.000, von denen er sich ernähren kann. Er wird Bäume erklimmen müssen, die mit 80 Metern doppelt so hoch sind wie jeder Baum in Deutschland und in schwindelnder Höhe Nester ausräumen. Er wird lernen, sich zu bewegen, ohne Spuren zu hinterlassen und viele Stunden bewegungslos verharren, um Beute zu machen. Angestrengt hastet Puku seinem Vater hinterher, denn er muss das Tempo halten. Im Geiste zählt er die lauernden Gefahren auf: neun Meter lange Anakondas, die träge in den Ästen hängen und die selbst ausgewachsene Tapire verschlingen; Jaguare, die mit einem einzigen Biss den Schädel ihrer Beute durchschlagen können. Und nun hat sein Vater ihm verkündet, Ameisen seien noch gefährlicher. "Schau dort, ein Wanderameisen-Nest", erklärt er dem Kind jetzt, als sie eine unscheinbare Erhebung passieren. Er greift in den Binsenbeutel, den er um die Hüften trägt und wirft eine gegarte Süßkartoffel hinein. Innerhalb von Sekunden ist die Frucht zerteilt und fortgetragen. In einem einzi- gen Nest leben bis zu 20 Millionen Tiere. Auf ihren Raubzügen bilden sie kilometerlange Armeen und überwältigen al- les, was sich ihnen in den Weg stellt. "Horche auf die Laute des Dschungels", mahnt der Vater nun. "Wenn die Amei- sen auf Beutezug sind, wirst du den Tumult hören - es sind die anderen Tiere, die in Panik flüchten." Am späten Morgen haben die beiden noch immer keine Spur der Nabelschweine, doch das ist unwichtig. Die Indios kennen kein Zeitgefühl: "Eine Aufgabe ist erledigt, wenn sie erledigt ist", sagen sie - egal wie lange es dauert. Puku weiß: Der Stamm erwartet die Jäger erst in "vielen" Tagen zurück. "Viele" bedeutet mehr als drei - weiter zählen die Indianer nicht. Am Ufer des nahen Flusses machen Vater und Sohn Rast. Und es ist ein Glücksfall: In den dunklen Gewässern befinden sich Hunderte von Piranhas. Die 35 Zentimeter großen Raubfische sind eine Delikatesse und leicht zu fangen, weil sie in Schwärmen schwimmen. Energisch hüpfend springt Puku nun ins Wasser. Er kennt keine der Blutrünstigen Piranha-Geschichten, die in Europa erzählt werden. Wäre es so, würde er wahrscheinlich lachen, denn Piranhas durchbeißen mit ihren messerscharfen Zähnen zwar Knochen, aber sie sind auch extrem scheu. Auf die Bewegungen des Jungen flüchten sie jetzt ruckartig ins Ufergestrüpp - eine leichte Beute. Lange bevor die Sonne ihren Höchststand erreicht, drängt der Vater erneut zum Aufbruch. Bevor es Nacht wird, will er noch zwei "Etappen" zurücklegen - so nennen Indios die Entfernung zwischen verschiedenen Exemplaren der glei- chen Art. Es ist ihre Methode Entfernungen abzuschätzen, denn im Regenwald wachsen Bäume derselben Art nicht nebeneinander, sondern einige Kilometer voneinander entfernt. An diesem Tag hat der Vater den "Pau d'Arco" als Etappenbaum ausgewählt. "Erkläre mir..." beginnt er jetzt, doch Puku zählt bereits auf: "Seine innere Rinde zu Brei gestampft, stärkt den Körper und lindert Infektionen", sagt er. "Er gehört zu den mittelhohen Bäumen. Darum ist er auch für Jäger vielversprechend - fast alle Tiere des Waldes erreichen seine Krone und halten sich darin auf." Zufrieden nickt der Vater. Dann deutet er auf einen Baum zu seiner Linken: "Und ist das hier auch ein Pau d'Arco?" Dieser Baum hat wahrhaftig eine ähnliche Form - der Junge nickt. Sein Vater aber tritt an den Baum heran, zieht sein Messer und schneidet ein Loch, bis ein Hohlraum erscheint. "Nein", erklärt er schließlich. "Das hier ist eine Würgefei- ge - eine Liane, die den Baum umschließt, tötet und als äußere Hülle bestehen bleibt." Puku seufzt. Eine Lektion hat er an diesem Tag mit Sicherheit gelernt: Nichts ist das, was es zu sein scheint. (Quelle: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 14/2004) |