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Pazifik - der unerforschte Ozean


"Die Erde sieht aus wie ein blauer Edelstein", schwärmte der Apollo-Astronaut Frank Borman beim ersten Mondflug 1968. Auf seiner Position über dem Pazifik war vom All aus kein Land mehr zu erkennen - nur Ozean. Frank Borman hätte ein gewaltiges Teleskop gebraucht, um genau in der Mitte des "blauen Planeten" ein grünes Körnchen zu ent- decken: die Insel Tahiti, 8.340 Kilometer von Panama und 9.480 Kilometer von Tokio entfernt.

Erst ab 1769 entdeckte und erforschte Captain James Cook die Inseln Polynesiens. Dabei war er überrascht, jedes noch so abgelegene Atoll bewohnt vorzufinden. Der brillante Navigator konnte sich nicht vorstellen, dass schon 2.000 Jahre vor ihm furchtlose Seefahrer mit steinzeitlichen Mitteln fähig waren, diese Stecknadelköpfe im größten Meer der Erde anzusteuern - geleitet nur von Sonne und Sternen und einem unglaublichen Instinkt für Wind und Wellen.

Im Hafen der Marquesas-Insel Hiva Oa flickt Tevake das Bastmattensegel seines Kanus. Der großflächig tätowierte Insulaner ist, als einer der letzten Navigatoren, eine lebende Pazifik-Legende. Er kennt die Sternenwege bei Nacht und liest bei Tag den Schattenwurf der Masten wie einen Sextanten; er deutet die rätselhaften Unterwasserblitze und spürt die Nähe von Inseln, lange bevor sie zu sehen sind, an der Veränderung des Wellenschlags. "Wasseresser" nennen die Polynesier Männer wie Tevake, weil sie die Temperatur des Ozeans mit der Zunge erfühlen können. Mit dieser Kunst erkundeten die Polynesier Jahrhunderte vor den europäischen Entdeckern den gesamten Pazifik.

Drei Viertel aller Inseln der Erde befinden sich im Pazifik. Niemand hat sie je gezählt, doch Schätzungen sprechen von Zehntausenden. Darunter befinden sich Orte geheimnisvoller Kulturen wie die Osterinsel, vergessene Archipele wie Kurilen oder Aleuten, Naturwunder wie Galapagos. Doch es gibt auch Absurditäten wie Big Diomede und Little Diomede in der Beringstraße, nur 900 Meter und dennoch Welten voneinander entfernt. Die eine ist russisch, die an- dere amerikanisch - und dazwischen befindet sich die internationale Datumsgrenze, die Heute von Morgen trennt.

Seine größten Wunder aber verbirgt der Pazifik unter Wasser. Die Atolle der Südsee mit ihren Korallenriffen sind die artenreichsten Regionen aller Weltmeere, mit bester Wasserqualität. Denn jede Muschel filtert als Miniklärwerk bis zu 50 Liter am Tag. In eisigen Breiten und in lichtlosen Tiefen gedeiht Leben unter schwierigsten Bedingungen: Pinguine mit Frostschutzmittel im Blut; Fische mit Neonlampen; Krebse, die Schwefel essen und Methangas atmen; Riesen- kraken, die mit 15 Meter langen Armen nach Walen greifen.

Auf dem Grund des Pazifiks ist die Entstehung der Erde noch in vollem Gang. Die Drift der Kontinentalen Platten ver- kleinert das größte Weltmeer stetig. Jedes Jahr rückt Amerika fünf Zentimeter näher an Asien heran. Wo sich die Erdplatten untereinander schieben, brechen Gräben auf. Im Marianengraben vor den Philippinen wurde die bisher tiefste Meeresstelle der Welt mit 11.022 Metern gemessen. Eine Stahlkugel mit einem Gewicht von einem Kilo- gramm würde eine Stunde brauchen, um auf den Grund zu sinken.

An den Bruchstellen von Japan bis Kalifornien bebt die Erde und öffnet ihr Inneres. 600 aktive Vulkane bilden den Feuerring rund um den Pazifik. Der höchste Berg der Welt ist nicht der Mount Everest, sondern der Vulkan Mauna Kea auf Hawaii, 9.100 Meter vom Meeresgrund gemessen. Vulkane steigen aus dem Pazifik und gehen durch ihr Ge- wicht wieder unter. Die idyllischen Atolle der Südsee sind die Korallenkronen versunkener Feuerberge. Auch Hawaii wird in rund 500.000 Jahren verschwunden sein.

Die Hälfte des globalen Meerwassers ist im Pazifik gespeichert. Masse und Strömung machen ihn zur Weltklimaan- lage; ohne seine Wärmeregulierung wäre die Erde unbewohnbar wie der Mars. Gleichzeitig entfesselt diese gigan- tische Wetterküche aber zerstörerische Kräfte. Die südlichen Breitengrade sind bei Seeleuten als "brüllende Vierzi- ger" berüchtigt. Die Südseepalmen sind schrecklichen Taifunen ausgesetzt. Und im Norden rasen die Stürme von den Aleuten ungebremst bis an die Küste Kanadas. Der Pazifik ist das Meer der tausend Wunder, nur eines ist er trotz seines Kosenamens ganz gewiss nicht: ein Stiller Ozean.


(Quelle: Fernsehzeitschrift "TV Hören und Sehen", Ausgabe 08/2004)